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Teilpersönlichkeiten

Der Chor der inneren Stimmen

Neben dem Prinzip des inneren Kindes und dem inneren Erwachsenen gibt es noch eine weitere, differenzierte Aufteilung an Stimmen in unserem Kopf, die uns zu positiven oder negativen Handlungen veranlassen. Jeder kennt sie: der Perfektionist, der Kontrolleur, Organisator, Künstler, Romantiker, Helfer, Harmoniebedürftige der Ängstliche, Neidische und so weiter und so fort. Die Anzahl ist endlos. In der Psychosynthese werden sie Teilpersönlichkeiten genannt.

 Die negativen, destruktiven Stimmen aus diesem Chor machen uns das Leben manchmal unnötig schwer. Aber wir springen immer wieder darauf an, sie begleiten uns schon so lange, dass wir meinen, sie gehören einfach zu uns. Doch das ist nicht wahr. Diese Stimmen sind Gedanken, von denen Sie sich lösen können - disidentifizieren -  um von den Positiven zu profitieren und von den Negativen Abstand zu nehmen. 

Ich bin nicht meine Gedanken!

Diese Gedanken entstehen im Geist, der ständig Bilder und Begriffe zusammenfügt und sie für Realität hält. Der Geist wandelt ständig umher, wenn er nicht durch Konzentration gezügelt wird. Hinter dem Geist jedoch, steht noch etwas anderes, das die Gedanken in Gang setzt und das ist zum einen das Ego, das für unsere Grundbedürfnisse wie Essen oder Unterkunft sorgt, aber uns aus Angst auch vor Schaden schützen will. Dahinter befindet sich als Kern unserer Persönlichkeit das "Ich" oder das Personale Selbst, wie es in der Psychosynthese genannt wird. In diesem Kern herrscht Ruhe, Frieden und reine Liebe. Wir können ihn in tiefer Meditation erreichen. 

Doch in der Alltagsrealität, im Bewusstseinsfeld, das unser "Ich" umgibt, lassen wir uns leiten von Gedanken - inneren Stimmen - die unsere persönliche Wahrnehmung beeinflusst, die aber oftmals nicht der Realität entspricht. Dabei ist das Nervensystem das Leitungssystem des Geistes, das die äußeren Signale der Umwelt von den Organen weg und wieder hin leitet. Darum entstehen auch im schlimmsten Fall Krankheiten auf Grund von falsch gedeuteten Signalen. Denn leider verleiten uns die inneren Stimmen, zum Beispiel der uns allen bekannte Perfektionist, dazu, viel zu viel zu arbeiten, bis das Immunsystem geschwächt wird und erst eine Grippe oder Schlimmeres zur Ruhe zwingt.

Mit den Teilpersönlichkeiten leben lernen

Die inneren Stimmen können Sie nicht ausschalten, aber Sie können lernen, sie sich bewusst zu machen und von Ihnen zu profitieren. Der Perfektionist, um dabei zu bleiben, ist wie alle anderen Teilpersönlichkeiten auch,  in Ihnen als negativer Glaubenssatz aus der frühesten Kindheit entstanden. Es können Sätze wie.

  • "Ich bin nicht gut genug." "Ich genüge nicht, ich bin unwichtig."
  • "Ich darf keine Fehler machen." "Ich bin schlecht, hässlich, tauge nix..." "Versager"
  • "Ich muss mich dir anpassen." Und so weiter und so fort.

Diese Sätze können auf die verschiedensten Teilpersönlichkeiten zutreffen. Ihre Aufgabe ist es, herauszufinden, auf welche Art von Teilpersönlichkeit Sie hören. Welche Bezugspersonen stehen dahinter? Gab es einen elterlichen Auftrag? Sprüche wie " Früher Vogel fängt den Wurm." oder "Pünktlichkeit ist eine Tugend." können Sie ebenfalls ein Leben lang begleiten. Hören Sie bewusst auf Ihre inneren Stimme und Sie werden lernen, Sie zu unterscheiden. Die Teilpersönlichkeiten können in drei Kategorien eingeteilt werden:

  1. Anpassung: der Perfektionist, Helfer, Ausgleichende, Allwissender, Harmoniebedürftiger, u. s. w
  2. Rückzug: der Leidende, Misstrauische, Ängstliche, das Opfer, u. s. w.
  3. Überkompensation: der Anführer, Kritiker, Kontrolleur, Mutiger, Organisator, u. s. w.

Wenn auch Sie eine laute Stimme des bereits genannten Perfektionisten in sich tragen und Sie ihn nun "dis-identifiziert" haben, gilt es als erstes, ihn zu würdigen. Denn er hat wie alle Teilpersönlichkeiten auch seine guten Seiten. Er ist eine Kämpfernatur, sehr selbstbeherrscht, diszipliniert und hat einen starken Willen. Sie dürfen also auch stolz auf sich sein.

Doch um ihm seine Allmacht zu nehmen und ihn als nur eine Seite Ihrer Persönlichkeit von vielen zurückzusetzen - ohne ihn mundtot machen zu wollen, denn das funktioniert sowieso nicht - nutzen Sie seine Energie und registrieren seine Stimme als Vorschlag, ohne sofort darauf anzuspringen.

Bewusstheit trainieren - Das Selbst erkennen

Das Erkennen und Bewusstmachen Ihres inneren Chors ist jedoch nicht das eigentliche Ziel. Es geht darum, die Realität, ohne die verzerrte Sicht der Teilpersönlichkeiten, als solche anzuerkennen und die Stimme des personalen Selbst, Ihres ursprünglichen Ich, lauter werden zu lassen. Denn auch sie äußerst sich ständig.

  • Erwecken Sie Ihren inneren Beobachter zum Leben: Damit finden Sie einerseits leichteren Zugang zu Ihrem inneren Selbst und können andererseits die einzelnen Stimmen ihres Chors deutlicher identifizieren. Der innere Beobachter wertet nicht. Er unterstützt Sie dabei, unbewusste negative Gedanken aufzuspüren und zu verabschieden.
  • Lernen Sie, ebenfalls die Stimme Ihres Selbst, Ihrer ursprünglichen Identität wahrzunehmen, zu benennen und darauf zu hören. Das Selbst erkennen Sie mit der Zeit sofort, es äußerst sich durch alle fünf Sinne, durch Gedanken und Gefühle.
  • Lernen Sie locker zu lassen, mehr Selbstbewusstsein zu erwerben. Sagen Sie sich mehrmals am Tag, wie gut Sie sind.
  • Gönnen Sie sich mehr Pausen.
  • Halten Sie Ihre Gedanken schriftlich fest, dann gehen sie nicht verloren, aber Sie dürfen sie loslassen.
  • Finden Sie Ihre Kern-Glaubenssätze.
  • Achten Sie auf kleinste Zeichen der Angst, denn diese aktivieren die jeweilige Teilpersönlichkeit. Lenken Sie sich durch  positive Affirmationen ab, die Sie stattdessen einsetzen.

Danken Sie dem Perfektionisten, wenn er wieder auftaucht, aber sagen Sie ihm auch,  dass Sie jetzt neue Wege gehen. Lassen Sie sich auch von der Familie und Freunden dabei unterstützen. 

Wenn Sie so auf diesem Weg so nach und nach Ihre inneren Stimmen kennen lernen und zur Ruhe bringen können, werden Sie natürlich auch belohnt. Sie finden mehr zu sich selbst. Zu Ihrem wahren Selbst. Sie werden ruhiger und gelassener, stärken ganz nebenbei Ihre Gesundheit und können neue Seiten an sich entdecken und auch leben.

 

Noch ein Wort in eigener Sache: Ich bitte mir nachzusehen, dass ich ausschließlich den maskulinen Genus im Text verwende. So liest es sich einfacher und dennoch fühlt sich hoffentlich jeder (!) angesprochen. :-)

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Kommentare: 1
  • #1

    Maria FrechDanke (Donnerstag, 21 Februar 2019 12:50)

    Danke
    Short, sharp and shiny !! -> Kurz und bündig auf den Punkt gebracht, ein klares einsetzbares Werkzeug - jedenfalls für mich. Nochmals Danke